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The Witcher, Game of Thrones & die Fantasie der misshandelten Frau

  • Autorenbild: Michelle Fischer
    Michelle Fischer
  • 23. Apr.
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Mai

Oder meine Suche nach einer Antwort auf die Frage, weshalb männerzentrierte Fantasyromane gerne von leidenden Frauen fantasieren.


"Biblis" von William-Adolphe Bouguereau, 1884.
"Biblis" von William-Adolphe Bouguereau, 1884.

Gestern habe ich ein Buch zur Seite gelegt, das ich eigentlich sehr gerne zu Ende gelesen hätte. Der Plot war spannend, die Charaktere hatten Tiefe, und die Welt fühlte sich an, als sei ich geradewegs in ein Märchen der Gebrüder Grimm gestolpert. Die originalen Märchen, versteht sich. Die mit den düsteren Wäldern und schaurigen Gestalten, von denen man sich schon seit Jahrhunderten erzählt.


Der Hexer, besser bekannt als The Witcher, ist bei seinen Fans seit Jahrzehnten für eben diese düsteren, mittelalterlich-inspirierten Welten unglaublich beliebt. Dass der Autor Andrzej Sapkowski sich beim Schreiben der Witcher-Reihe auf reale osteuropäische Legenden und Sagen gestützt hatte, war mitunter einer meiner Hauptgründe dafür, dass ich die Bücher endlich einmal lesen wollte.

              

Ein anderer Grund war The Witcher 3: Wild Hunt, ein auf Sapkowskis Büchern basierendes PC-Game, das so gut war, dass nicht nur der Gamer-Welt kollektiv die Kinnlade runterklappte, sondern auch mir. In der Rolle des Hexers Geralt verbrachte ich Stunden über Stunden damit, in eine Welt einzutauchen, die sich anfühlte, als sei ich durch die Seiten eines Fantasy-Romans gefallen.


Ich ritt durch dunkle Wälder, duellierte mich mit Dämonen und Wyvern und verhandelte mit Baronen und Dieben. Alles, was sich ein Fantasy-Girlie eben so wünscht. Naja, zumindest fast. 

 

Je mehr Zeit ich nämlich im Witcher-Universum verbrachte, desto deutlicher wurde mir bewusst, dass Geralts Welt eine stark männliche Perspektive einnahm, in die ich irgendwie nicht ganz hineinzupassen schien.

 

Zum einen waren da die vielen Cut Scenes, die nackte Frauen zeigen. Brüste hier, Brüste dort. Überall gab es Brüste.


Als Spieler:in hatte man ausserdem die Möglichkeit, mit mehreren der weiblichen Charakteren zu schlafen (die natürlich auch alle riesige Brüste hatten) und sie ganz nach Belieben miteinander zu betrügen. Und weil das bei männerzentrierten Mittelalter-Fantasy-Welten ja offenbar so sein muss, konnte Geralt im Spiel auch Bordelle besuchen, wann immer er wollte.

 

Aber halb so schlimm, dachte ich mir. Man sieht ja auch Geralts nackten Po in den Cut Scenes. Und überhaupt, was hatte ich in einem Spiel mit einem übernatürlich starken, Schwerte schwingenden Hauptcharakter denn erwartet?

 

Sollten diese Männer doch ihre Brüste haben. Das schien mir ein kleiner Preis dafür zu sein, dass ich in diesem Spiel auf Pferden durch verwunschene Wälder reiten und mittelalterliche Städte von korrupten Königen befreien konnte.

 

Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich dieser Aussage noch zustimmen würde. Vergangene Woche habe ich mir nämlich endlich das erste Buch der Witcher-Prequels zur Hand genommen. Basierend auf The Witcher 3 (und sogar den wenigen guten Folgen der Netflix-Serie The Witcher) hatte ich grosse Erwartungen.

 

Ein paar hundert Seiten später musste ich mir allerdings eingestehen, dass auch dieses Stück des Witcher-Universums nicht für mich gedacht war.

 

Dieses Buch war nicht mehr nur leicht problematisch wegen ein paar Brüsten und Bordellen. Dieses Buch war schlichtweg sexistisch.

 

Ich las von Töchtern, die von ihren Vätern an Ungeheuer verkauft wurden. Von vergewaltigten Priesterinnen und misshandelten Ehefrauen. Von mächtigen Magierinnen, die nicht für ihre Kräfte bewundert, sondern für ihre Unfruchtbarkeit und mangelnde Schönheit bedauert wurden.

 

Eine der Kurzgeschichten handelte gar von einem Zauberer, der gemeinsam mit magisch erschaffenen, nackten Frauen in einem Turm lebte, während er es sich gleichzeitig zur Lebensaufgabe gemacht hatte, reale Frauen zu jagen, sie zu ermorden oder sie in andere abgelegene Türme einzusperren. Unser Protagonist und Held der Geschichte, Geralt von Riva, protestierte nur milde gegen dieses Unterfangen.

 

Auch kaum überraschend: Über die gut 320 Seiten, die ich gelesen hatte, fand sich nur eine einzige Frau, die in direkter Rede sprach und gleichzeitig nicht das Objekt von Geralts Begehren war. Eine Frau, mit der der Protagonist keinen Sex haben wollte und die der Text dennoch zu Wort kommen liess. Die Männer, auf die dieselben Kriterien zutreffen, waren, wie du dir vorstellen kannst, zahlreich.

 

Den Bechdel-Test besteht das Buch übrigens auch nicht.

 

Zu sagen, dass ich enttäuscht war, würde meinen Gefühlen nicht gerecht werden. Aus weiblicher Perspektive fühlte sich dieses Buch an wie eine Ohrfeige.

 

Anstatt den Hexer auf seinen Abenteuern zu begleiten und mit ihm mitfiebern zu dürfen, musste ich dabei zusehen, wie einer meiner Lieblingscharaktere mit Vergewaltigern und Frauenhassern am Tisch sass und über ihre Gräueltaten hinwegsah, als seien sie einer Charakterschwäche zu verschulden.

 

Aber noch viel wichtiger als meine persönliche Enttäuschung über die Witcher-Reihe ist die Frage, was der Erfolg dieser Bücher über unsere Gesellschaft aussagt.


Zwar stammen die Witcher-Bücher grösstenteils aus den 90er-Jahren und sind deshalb vielleicht auch nicht unbedingt auf ein feministisch aufgeklärtes Publikum zugeschnitten. Aber die Misshandlung und Erniedrigung von weiblichen Charakteren ist in männerzentrierten Fantasyromanen, Filmen und Serien ja auch heute noch sehr stark vertreten. Man denke einmal an Game of Thrones oder House of the Dragon.

 

Wie kann es sein, dass wir in einer so aufgeklärten Welt, in der wir der Gleichstellung von Frau und Mann immer näher kommen, trotzdem noch in Fantasiewelten flüchten wollen, in denen Frauen so massiv und systematisch misshandelt werden?

 

Ich möchte nicht sagen, dass alle Fantasywelten ihre Frauen quälen. Der Hype um frauenzentrierte Fantasy-Bücher wie A Court of Thornes and Roses von Sarah J. Maas oder Fourth Wing von Rebecca Yarros beweisen glücklicherweise das Gegenteil. Auch will ich nicht behaupten, dass es keine Fantasy-Literatur geben darf, die spezifisch auf Männer ausgelegt ist. Das ist wichtig und soll unbedingt so bleiben.

 

Aber warum treffen wir in diesen Fantasy-Geschichten für Männer überhaupt auf schwer misshandelte Frauen? Ist das etwas, das Männer gerne lesen? Und wenn ja, warum?

 

Warum fantasieren Fantasy-Autoren wie Sapkowski oder George R. R. Martin von geplagten, erniedrigten und sexuell missbrauchten Frauen, während Sarah J. Maas ihren Leserinnen von heissen Feenmännern vorschwärmt?

 

Ein Argument, das in solchen Debatten oft genannt wird, ist, dass die Welten von Game of Thrones und The Witcher das europäische Mittelalter nachahmen. Und weil Frauen im Mittelalter nun mal nicht dieselbe soziale Stellung wie Männer genossen hätten und deshalb oft männlicher Gewalt ausgesetzt gewesen seien seien, würden diese Ereignisse eben auch in den Romanen von Sapkowski und Martin auftauchen.


Nur stimmt das so nicht ganz. Frauen im mittelalterlichen Europa mussten nicht ständig und überall Angst davor haben, geschlagen, vergewaltigt oder ermordet zu werden, so wie die Frauen in Sapkowskis und Martins Geschichten es müssen.


Einerseits, weil es auch im Mittelalter Gesetze gab. Vergewaltigungen waren in weiten Teilen Europas strafbar, genauso wie körperliche Misshandlung oder Mord. Zwar stimmt es, dass Frauen im mittelalterlichen Europa mehr unter dem Patriarchat litten als heute, dass sie weniger Rechte hatten als Männer und dass Gewalt stattfand. Das ist schlimm und soll hier nicht verharmlost werden.


Aber selbst unter diesen Umständen galten Frauen nicht einfach als die Fussabtreter der Männer, sondern erfüllten in ihren Rollen als Bäckerinnen, Näherinnen, Heilerinnen oder Landherrinnen wichtige und teils angesehene Funktionen in der Gesellschaft. Und sie waren ganz gewiss nicht hilflos, wie auch Historiker Joshua J. Mark weiss.


«Frauen im Mittelalter waren nicht die passiven Opfer des religiösen und politischen Patriarchats – ganz egal wie oft diese Behauptung wiederholt wird.»

Aber vielleicht noch wichtiger als die Frage, wie die soziale Stellung von Frauen im Mittelalter sich auf ihre persönliche Sicherheit auswirkte, ist folgendes Argument: Anders als die Frauenfiguren in Martins und Sapkowskis Geschichten mussten die echten Frauen des mittelalterlichen Europas sich nicht vor mordenden Magiern oder verwunschenen Ungeheuern fürchten, weil es sie schlicht nicht gab.


Es gibt kein historisches Vorbild für eine mittelalterliche Gesellschaft, in der es in Ordnung war, nackte Frauen in Türmen einzusperren. Oder in der Priesterinnen regelmässig mit streunenden Abenteurern ins Bett stiegen und so konsequenterweise eben manchmal vergewaltigt wurden. Auch gab es keine Zeit, in der Könige ihren Ehefrauen die Kleider entrissen und sie in aller Öffentlichkeit demütigten, so wie das bei Joffrey Baratheon in Game of Thrones der Fall war.


Das alles sind Geschichten, die sich jemand ausgedacht hat. Geschichten, die zwar ein mittelalterliches Setting haben, die aber mit dem echten Mittelalter in dieser Hinsicht nur sehr wenig zu tun haben.

 

Die nackten, hilflosen Frauen in The Witcher und Game of Thrones sind genauso erfunden wie die Drachen, Dämonen und Vampire.

 

Wenn sie also nicht auf historischen Begebenheiten beruht, warum begegnen wir in The Witcher, Game of Thrones, House of the Dragon und anderen männerzentrierten Mittelalter-Fantasy-Welten immer wieder dieser Fantasie der lustvollen, wunderschönen und brutal misshandelten Frau? Und warum ist diese Fantasie nur dann akzeptabel, wenn es eine Frau ist, die sexualisiert und gequält wird?

 

Denn wäre es andersherum, würde diese Literatur nicht als wichtig gelten. Niemand würde sagen, Sapkowski sei der Tolkien Osteuropas, gäbe es in The Witcher Männer, die von ihren Müttern an Monster verkauft werden. Priester und Ehemänner, die vergewaltigt werden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Magier, die bloss zu ihren Kräften kamen, weil ihre Mütter sie nicht verheiraten konnten.

 

Niemand hätte Spass daran, solche Geschichten zu lesen. Am allerwenigsten die Männer.

 

Denn selbst in Game of Thrones, wo auch hin und wieder männliche Charaktere ausgezogen und brutal gefoltert werden, gibt es riesige Unterschiede in der Darstellung dieser Misshandlungen, die niemals als irgendetwas anderes als unmenschlich und grausam präsentiert werden.

 

Sogar Theons brutale Folter und Kastration, die wohl als einzige der männerbesetzten Misshandlungen in GoT als sexuelle Gewalt eingestuft werden kann, war unzweifelhaft grausam und pervers. Niemals lustvoll. Niemals anzüglich oder faszinierend. Nicht so wie bei Daenerys, Cersei, Sansa oder all den anderen, namenlosen Frauen, die im Laufe der Geschichte missbraucht und misshandelt wurden.

 

Ich kenne die Antwort auf die Frage nicht, weshalb manche männerzentrierte Fantasy-Geschichten so gerne von misshandelten Frauen fantasieren. Aber ich weiss, dass ich diese Fantasien nicht länger tolerieren möchte.

 

Ich habe mein Witcher-Buch zur Seite gelegt. Genauso wie vor Jahren den ersten Band der A Song of Ice and Fire Reihe und zahlreiche weitere Fantasyromane, die ihre Frauen nicht respektierten. Die HBO-Serie Game of Thrones hab ich nie fertiggeschaut. Nicht, weil die Geschichten nicht spannend oder vielschichtig oder tiefgründig sind, sondern weil ich die konstante Misshandlung der Frauenfiguren in diesen Geschichten nicht mehr ertragen kann.

 

Ich bin es leid, fiktionale Frauen leiden zu sehen. Auch wenn es sie nicht gibt. Auch wenn es die Welt, in der sie existieren, nicht gibt. Denn die Fantasie der erniedrigten Frau, die sich der Hand des Mannes beugen muss – die ist real. Und die Welt, in der solche Fantasien geduldet werden, ist es auch.

 


Quellenverzeichnis: 

Durn, Sarah. "The Middle Ages Weren't as Sexist as Game of Thrones Would Have You Believe." The A.V. Club, 24 May 2019, www.avclub.com/the-middle-ages-weren-t-as-sexist-as-game-of-thrones-wo-1834980838.

Mark, Joshua J. "Women in the Middle Ages." World History Encyclopedia, 18 Mar. 2019, www.worldhistory.org/article/1345/women-in-the-middle-ages/.

 

Weitere spannende Artikel zu dem Thema:

Henderson, Danielle. "Game of Thrones: Too Much Racism and Sexism – So I Stopped Watching." The Guardian, 29 Apr. 2014, www.theguardian.com/tv-and-radio/2014/apr/29/game-of-thrones-racism-sexism-rape.

Kanayama, Kelly. "Game of Thrones Needs to Stop Punishing Its Female Characters." Nerdist, 14 Jul. 2017, nerdist.com/article/game-of-thrones-needs-to-stop-punishing-its-female-characters/.

Páez, Olivia. "The Constant Mistreatment of Women in Game of Thrones Is Exhausting." Book Riot, 26 Mar. 2019, bookriot.com/mistreatment-of-women-in-game-of-thrones/.

 
 
 

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