Ein zweites Leben
- Michelle Fischer

- 17. März 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Mai
Einige Gedanken über das Leben nach der Dunkelheit.

Ich fühle mich so leicht. Und diesmal ist es nicht nur für einen Moment oder zwei. Diesmal ist es echt. Ich könnte schweben, könnte mit den Füssen einmal fest vom Boden abstossen und stundenlang in den Wolken meine Kreise ziehen.
Heute bin ich mir zum ersten Mal sicher, dass ich es geschafft habe. Ich liege in meinem Bett, die Arme zwischen den samtgrünen Kissen ausgebreitet, und ich lächle.
Fünf Jahre ist es nun her. Fünf Jahre, seit sich in meiner Brust ein schwarzes Loch aufgetan hat. Vielleicht sogar etwas länger. Und heute, an diesem einen unbedeutenden Mittwochmorgen, ist es weg. Einfach so.
Ich schwinge meine Beine aus dem Bett, meine Füsse berühren den kühlen Linoleumboden. Heute will ich aufstehen. Heute will ich aufstehen. Da ist kein Widerstand, kein «wozu denn», kein «lass mich doch einfach schlafen». Die Sonne scheint mir ins Gesicht, wärmt meine Haut.
Ob es für andere Menschen immer so einfach ist, morgens aufzustehen?
Das wäre schon verrückt. Ist es das, was ich all die Jahre verpasst habe? Ist das hier der Normalzustand des Menschseins?
Mir war schon bewusst gewesen, dass ich in einem Ausnahmezustand lebte. Dass diese Dunkelheit in mir nicht normal sein konnte und dass die meisten anderen Menschen wohl nicht mit einem bleiernen Herzen durchs Leben gingen. Trotzdem ist sie unerwartet, diese Leichtigkeit. Ihr schieres Ausmass auf meinen Kopf, meinen Körper. Erst jetzt wird mir bewusst, wie schwer meine Last wirklich gewesen war. Wie dumpf sich die Welt angefühlt hatte, wie feindselig, wie nicht für mich geschaffen.
Ein Gefühl flimmert in mir auf. Bitterkeit.
Kein Wunder, dass mir alles ständig so schwerfiel. Kein Wunder, dass ich mich so sehr anstrengen musste, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen. Dass es so schwierig war, in der Schule mitzuhalten.
Wie oft wurde mir über die Jahre vorgeworfen, ich würde mich nicht genug anstrengen. Dass ich faul sei und mich gehen lassen würde. Dass ich immer nur herumliege und viel zu lange schlafe und «lächle doch mal» und «warum unternimmst du eigentlich nie was?»
Ich denke zurück an die vielen dunklen Wintertage. An das Mädchen, das jeden Morgen schluchzend über dem Küchentisch kauerte und hoffte, das alles aufhören würde. Wie wichtig wäre es gewesen, dass sie gewusst hätte, dass dieses Gefühl nicht normal war. Dass sie nicht schuld war.
Mein Blick verfängt sich in meinem Spiegelbild. Zusammengepresste Lippen und Sorgenfalten auf meiner Stirn.
Ich atme tief durch. Dann noch einmal. Ich wackle mit den Zehen. Merke, dass der Boden unter meinen Füssen an einigen Stellen warm ist. Dort, wo ihn die Sonne trifft. Ich höre die Vögel zwitschern.
Es ist vorbei. Das alles ist jetzt endlich vorbei. Ich bin hier. Hier, in diesem Moment. Und ich habe gewonnen. Nach fünf langen Jahren habe ich gewonnen.
Ich strecke die Arme aus und dehne meine müden Muskeln. Es ist, als hätte ich wochenlang geschlafen. Ich fühle meinen Körper klicken und knacksen, und stelle mir vor, wie all meine Knochen wieder an den richtigen Platz rücken. Dort, wo sie hingehören. Vielleicht ist das Gleiche auch mit meiner Seele passiert.
Es ist der Anfang eines neuen Lebens.
Ich weiss, dass es kein perfektes sein wird. Und ich weiss auch, dass nicht jeder Morgen so voller Leichtigkeit sein wird, wie dieser hier.
Ich werde gute Tage haben und schlechte. Tage, an denen der Regen gegen meine Fensterscheiben peitscht und ich die Welt für ihre Hässlichkeit verfluche. Tage, an denen ich mich ächzend aus dem Bett quäle und mir auf dem ganzen Weg zur Uni Sorgen darüber mache, was ich mit meinem Leben anfangen soll.
Und trotzdem wird es anders sein als zuvor. Da wird Platz für diese Gefühle sein. Normale Gefühle. Frust, Langeweile, Angst, Enttäuschung. Vielleicht sogar Trauer. Normale Trauer. Die Art, bei der man weiss, dass es in Ordnung ist, traurig zu sein. Dass es wieder gut kommen wird.
Ich werde wissen, dass es wieder gut kommen wird. Denn heute ist es gut. Heute ist es zum ersten Mal wieder gut.



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